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Wirft man einen Blick in den kulturellen Spiegel unserer Zivilisation, so kommt man zu dem Schluss, dass Literaten, Filmemacher, bildende Künstler und andere Kulturschaffende am spannendsten den Menschen selbst empfinden, seine Geschichten, seine Erfolge und sein Scheitern, die Irrungen und Wirrungen seiner Seele, die Glücksmomente von Liebesbeziehungen und die Brutalität von Machtbeziehungen. Die Gegenstände unserer Erfahrung, die Objekte unseres Handelns erhalten ihre ästhetische Aura durch die Vermittlung menschlicher, letztendlich personaler Subjektivität. Diese ruft erst die Reibungen oder den Konsens der Leser, Betrachter, Experten hervor, die Subjekte treten miteinander in Diskurs, Kultur entsteht. Und: Es werden Fragen beantwortet und zugleich und unablässig im kulturellen Austausch neue Fragen produziert, die wiederum Antwortproduzenten aus Kunst, Kultur und Wissenschaft auf den Plan rufen.

Dieses Frage-Antwort-Frage-Karussell dreht sich seit der Zeitachse, die wir Moderne nennen, um die Subjekt-Objekt-Beziehung: das subjektive Erkennen und das Universum der Erkenntnisgegenstände sind zwei Elemente eines Verhältnisses. Aus diesem spannungsreichen Verhältnis entspringt der immense Wissenszuwachs moderner Gesellschaften, denn die Erkenntnis, dass wir die Welt nicht immer schon haben, sondern sie befragen und uns erarbeiten müssen, ist sozusagen der philosophische point of departure unserer Wissensexplosionen und den darauffolgenden Wohlstandssprüngen.

Muster statt Objekt: Auf der Schwelle des Paradigmenwechsels?

Folgt man dem Kursbuch-Herausgeber Armin Nassehi, dann stehen wir an dieser Stelle auf einer Schwelle zu einem Paradigmenwechsel. Im aktuellen Kursbuch wagt er – im Konjunktiv – folgende These: „Es zeichnet sich ab, dass nicht mehr Objekterkenntnis, sondern Mustererkennung die dominante Form der Erkenntnis sein wird: Informationsformen, die erst während der Auswertung von Daten, die nicht für die entsprechende Fragestellung erhoben wurden, die dazugehörigen Fragen erzeugen.”

Thesen, die sich auf Schwellen behaupten müssen, sind stets kippelige Angelegenheiten. So auch diese von Nassehi. Und genau darin liegt ihr Reiz. Als Verleger von Sachbüchern beträfe mich dieser Paradigmenwechsel ganz besonders, ginge sozusagen an den Kern meiner Tätigkeit als Verleger von Autoren, die sich den Sachen, den Verhältnissen, in denen wir leben, fragend zuwenden. Wandelt sich unsere Subjekt-Objekt-Welt zu einer Mustererkennungswelt, in der nicht Subjekte, sondern Daten zu Produzenten von Fragen an die Welt werden, würde sich der zivilisatorische Fortschritt vom oben skizzierten philosophischen Ursprung abkoppeln. Das diskursive Wundern der Autoren als Fragen- und Antwortproduzenten wird in dem Nassehi-Szenario abgelöst durch das Knowledge Management IT-basierter Wissenschaftssysteme. Der Mensch wird in diesem Szenario nicht ersetzt, sondern versetzt: er kommt als Erkenntnissubjekt erst sekundär zum Zuge, als von den Daten und den daraus ergebenden Fragen herausgeforderter Second-Hand-Erkenntnispartner, der auf das mitgelieferte Framing der Daten re-agiert.

Wo der Mensch noch über den Daten steht

Nassehi platziert diesen Paradigmenwechsel noch im Konjunktiv („es könnte so kommen”), doch einiges spricht dafür, dass es in diese Richtung geht. Allerdings spricht auch einiges dagegen oder genauer gesagt: Es zeigt sich an einigen Stellen unserer kulturellen Produktion, dass die Erkenntnissubjekte sich Terrains suchen, auf denen sie den Kulturkampf gegen die Datenmaschinen noch dominieren können, wo sie Autoren des Framings sind und die Technik an die Stelle weisen, wo sie zumindest der Idee nach zivilisatorisch stets hingehörte: innerhalb des vom forschenden Menschen gesetzten Rahmens als Instrument zu dienen. Eines dieser Terrains ist der menschliche Körper und seine Potentiale im Hochleistungssport in Verbindung mit sportwissenschaftlicher Intelligenz. Die Doping-Diskussion hat hier ihren hysterischen Ursprung, der menschliche Biologismus soll einen letzten Ort haben, wo er sich ohne technologisch-medizinische Hilfe als das, was er ist, beweisen darf. Das Training soll zählen, nicht das Medikament.

Ein ähnliches Terrain ist die Natur, insbesondere die Tierwelt. Es mag meiner deformation professionelle geschuldet sein: aber ich interpretiere die SPIEGEL Sachbuch-Bestenliste auch als Seismograph unserer kulturellen Zustände. Was lesen eigentlich die Leute? Sie lesen scheinbar zu Tausenden Bücher über Bäume, Habichte und Wölfe. Zwei Interpretationsversuche dieses Phänomens: Entweder es handelt sich hier um eine Welt- und Zukunftsflucht, die unterbewusst das Nassehi-Szenario schon eingepreist hat, oder die unbekannte Natur bleibt das geeignete Erkenntnisobjekt, in dem der fragende Mensch als Forscher und Leser den philosophischen Ursprung des Sich-Wunderns an sich selbst wiedererfahren kann, ohne dass er sich kritisch mit sich selbst beschäftigen muss (zum Beispiel als Naturausbeuter). In der Beobachtung des Vogelflugs liegt eine wohltuende Entlastung von den Abgründen der menschlichen Seele. Mit dieser Selbsterfahrung einher geht die demütige Erkenntnis, dass es in der Natur noch viel zu erforschen gibt, was wir nicht kennen und das uns überraschen wird. Zählen wir die Weltmeere dazu, dann ist der überwiegende Teil unseres Planeten noch weitgehend unerforscht. An die Natur können wir also noch viele Fragen richten und zugleich über sie Daten erheben, die wir interpretieren. Hier bleiben wir First-Hand-Interpreten.

Auf der Schwelle des Paradigmenwechsels zu einer datenbasierten Mustererkennungsepoche drehe ich mich um, schaue nicht in die Vergangenheit zurück, sondern in die Zukunft nach unten und freue mich auf viele Filme und Geschichten, Sachbücher und Romane, die mindestens „20.000 Meilen unter dem Meer” (Jules Verne) spielen.

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