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Weihnachten werden auch dieses Jahr wieder viele Bücher in Geschenkpapier eingehüllt unter dem Baum liegen. Aber wie immer stellt sich die Frage: Welche Titel können dem Beschenkten schöne Lesestunden bescheren? Wir haben mit „Sieben Nächte“ von Simon Strauß (Blumenbar), „Der große Glander“ von Stevan Paul (mairisch verlag), „Das dunkle Herz des Waldes“ von Naomi Novik (cbj) und „Diese gottverdammten Träume“ von Richard Russo (Dumont) vier belletristische Buch-Tipps und sagen Ihnen, für wen sie geeignet sind.

 

Buch für Mittzwanziger: „Sieben Nächte

Vor den Sünden steht die Angst: Denn sie ist es, die den Protagonisten von „Sieben Nächte“ einen Pakt schließen lässt, woraufhin er pro Nacht eine der sieben Todsünden durchlebt. Die Angst vor dem Ernst des Lebens, die Angst vor Entscheidungen, die es im Leben zu treffen gilt. Dabei führt Simon Strauß‘ Buch nicht durch die verwirrende Zeit der Jugendlichkeit wie ein typischer Coming-of-Age-Roman, sondern fängt die Unsicherheit auf der Ebene eines jungen (hier: männlichen) Erwachsenen ein, dem alles möglich scheint. Der zu viele Optionen hat – zumindest ab einer gewissen gesellschaftlichen Stellung. Optionen, die verunsichern, die als Belastung empfunden werden. „Ich bin gefangen in einer Blase aus Glück“, heißt es da von Seiten des Protagonisten. Daher die sündigen Nächte, der Versuch des Ausbruchs aus dem Gefüge. So wird dann die Trabrennbahn (Habgier) oder Universitätsbibliothek (Neid) zum Schauplatz des Erlebens.

Simon Strauß, selbst Jahrgang 1988, gelingt es geschickt, die vermeintlichen Luxusprobleme des Protagonisten als echte Qual der Wahl zu zeigen, den impliziten Druck und das Hadern mit sich selbst nachvollziehbar zu machen. Dass dabei dort, wo andere Protagonisten Fixpunkte der Popkultur wählen würden, etwa ein Brief Rilkes zitiert wird, passt ins Bild der Figur eines jungen, nachdenklichen Intellektuellen. „Sieben Nächte“ ist ein Buch, das durch sprachliche Geschicklichkeit überzeugt und dabei doch kurzweilig ist.

 

Buch für Authentizitäts-Fans: „Diese gottverdammten Träume

Empire Falls, Maine, USA. Eine Stadt, deren Blütezeit langsam vergeht, aber deren Ursprung vielerorts noch spürbar sind. Genau dort siedelt Richard Russo seinen Pulitzer-Preis gekrönten Roman „Diese gottverdammten Träume“ (Engl. „Empire Falls“, 2001) an.

Russo inszeniert seine Figuren nicht nur, er haucht ihnen sprichwörtlich Leben ein. Da ist der Hauptcharakter Miles Roby, der sein Leben lebt, aber keine großen Pläne verfolgt und nur davon träumt, an den Ort seiner wohlbehüteten Kindheit, nach Marthas Vineyard, zurückzukehren. Der Matriarchin Ms. Withings, Firmenerbin einer Textildynastie, hingegen gehört quasi die halbe Stadt. Sie lebt quer zwischen Wohlstand und Realismus, spielt aber bewusst eine nahbar-unnahbare Bürgerin der Stadt. Mit Miles verbindet sie, dass ihr das Diner gehört, in dem er arbeitet und ihn, hinhaltend, verspricht, ihm es zu überlassen. In diesem gelebten Stillleben, dieser Szenografie des Normalen, scheint alles nur so dahin zu plätschern. Aber genau das macht diesen Roman so stark.

Stilsicher navigiert Russo seinen allwissenden Erzähler von Figur zu Figur und verwebt gekonnt Momentaufnahme mit ironischem Kommentar um die Tristesse aufzulösen. Niemals verliert man den Überblick, immerzu scheinen parallele Erzählstränge einfach aneinander vorbeizuschwimmen, nur um letztendlich doch zusammenzufinden.

 

Buch für Genussmenschen: „Der große Glander

„Cabernet Sauvignon! Was riechen wir? Ich sag´s dir, Gustav: Cassis! Schwarze Johannisbeeren. Und gerösteten roten, ich sage roten, gerösteten Paprika. Etwas Vanille, einen Hauch von Zimt und Anis! […]“

Gustav Glander hört, sieht, riecht, schmeckt, fühlt, isst, trinkt – kurzum er lebt. Aber wie er dieses Leben gestalten soll, welche Weichen er stellen muss, welche Talente er zum Glücklichwerden einsetzen will, ist keineswegs von Beginn an so deutlich wie die Aromen im Rotwein, die Küchenchef Lugge ihm vorbetet. „Wenn du das Riechen nicht gelernt hast, bist du in der Küche blind“, sagt Lugge immer wieder. Aber woher soll man riechen, was das eigene Leben bereichert?

Stevan Paul hat mit „Der große Glander“ einen erstaunlichen Roman vorgelegt, der es trotz (oder gerade aufgrund?) seiner Kompaktheit schafft, unterschiedlichste Formen der Kunst zu verhandeln ohne sich in Plattitüden zu ergehen: Da wäre zuerst und sehr naheliegend die Kunst, das eigene Leben zu leben, die niemandem in die Wiege gelegt wird. Schon gar nicht Gustav, der – in der Provinz geboren – stets eine Sehnsucht nach dem „Mehr“ empfindet. Er macht sein gestalterisches Talent zum Beruf, wird Künstler, nicht Koch und unversehens arbeitet man sich lesend an der nächsten Frage ab: Wann beginnen die Kategorien von Kunst, wann hören sie auf? Und wie hängen sie mit dem Leben dessen, der sie hervorbringt, zusammen? Und wieso vermag es die vielbesungene, hochgeschätzte, formidable Kunst nicht, Gustav in einen Zustand der Zufriedenheit zu versetzen? Schließlich wäre da die dritte Frage, nämlich die, ob Kunst zwingend mit deren Konsum einhergeht und falls ja, ob alles Kunst werden kann, was konsumiert werden kann? Also auch ein genussvolles Essen? Einhergehend mit einem kraftvollen Cabernet Sauvignon vielleicht?

„Der große Glander“ ist ein unscheinbarer Roman mit einer durchschaubaren Geschichte. Aber schon nach dem ersten Befühlen des wasserblauen, geprägten und leinengebundenen Covers stellt sich ein Gefühl der Verzauberung ein. Buchkunst auf allen denkbaren Ebenen.

 

Buch für Fantasy-Fans: „Das dunkle Herz des Waldes

„Das dunkle Herz des Waldes“ von Naomi Novik wird vom Verlag als Fantasy-Geheimtipp der nächsten Jahre bezeichnet. Und das vollkommen zu Recht. Die Geschichte um die Holzfällertochter Agnieszka spielt in einer nicht genau bezifferten Zeit des Mittelalters und entwickelt sich im Laufe der Erzählung zu einer spannenden High-Fantasy-Story. So simpel die Geschichte auf den ersten Blick klingen mag, desto feiner ist sie umgesetzt – sprachlich, inhaltlich, atmosphärisch – Gänsehaut pur: ein kleines Meisterwerk!

Der Dunkle Wald, eine ur-böse magische Daseinsform voller Tücken und undurchsichtiger Grausamkeiten, droht sich immer weiter auszubreiten. Einer der mächtigsten Gegenspieler des Waldes ist Zauberer Sarkan, genannt der Drache, der sich in seinem dunklen hohen Turm von der Außenwelt abschottet. Verehrt und gefürchtet zugleich herrscht er über das Tal, das dem Dunklen Wald am nächsten liegt. Alle zehn Jahre holt er eine junge Frau aus einem nahen Dorf zu sich und reißt sie aus ihrem gewohnten Lebensumfeld. Das Auswählen der Mädchen erinnert zu Beginn an „Die Tribute von Panem“, entwickelt sich dann aber in eine ganz andere Richtung. Scheint der Fokus zunächst auf der Gefangenschaft der Mädchen und ihrem Schicksal zu liegen, wird nach und nach eine vielschichtige Hintergrundgeschichte enthüllt.

Das völlige Fehlen von unnötigen Verschnörkelungen und künstlich in die Länge gezogenen Dramen macht die Perfektion der Geschichte aus und das eigentliche Drama umso intensiver. Handlung, Erzählweise und Figurenkonstellation entwickeln mit der Zeit eine Tiefe, die noch lange nachhallt. Nichts wirkt zu gewollt – der auch für Erwachsene geeignete Roman hebt sich erfrischend von anderen Jugend-Fantasybüchern ab, bei denen man sich oft über die klischeehafte Handlung ärgern muss. Hier hat alles seine berechtigte Harmonie, die Erzählung fließt wie die Zaubersprüche der Protagonisten wunderschön dahin.

Eine außergewöhnliche Romanidee qualitativ hochwertig umgesetzt – Sprache und Inhalt harmonieren ausgezeichnet miteinander und machen das Buch zu einem Weihnachts-Muss!

 

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