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Treffen sich ein Politiker, eine Unternehmerin und ein Verleger und reden über… den digitalen Wandel. Klingt wie der Anfang eines Witzes, enthält aber realistisch betrachtet genau die Sichtweisen, die es braucht, ernsthaft Gesellschaft zu gestalten. So geschehen bei der Buchpräsentation von SPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel in Berlin. Sven Murmann hat das Buch „Die sozialdigitale Revolution“ verlegt. Genau wie die Digitalexpertin Tijen Onaran kennt er die Unternehmerperspektive, die von der Digitalisierung besonders herausgefordert wird.

Eine Diskussion, geleitet von Sven Murmann, über Unternehmertum in Deutschland, verändertes, weil digitalisiertes Denken, Ängste vor der Digitalisierung und Out-of-the-Box-Denken.

Frau Onaran, Herr Schäfer-Gümbel beschreibt in seinem Buch „Die sozialdigitale Revolution“ genau das – einen Umbruch, der sich wirtschaftlich, gesellschaftlich, ja auch ethisch auf uns auswirken wird und es zum Teil bereits tut. Haben wir denn die richtigen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, dass Sie und Ihr Unternehmen sich frei entfalten können?

Onaran: Selbstständigkeit ist immer ein Zustand zwischen Himmel und Hölle, ein Auf und Ab der Gefühle. Es gibt Tage, an denen denkt man: Ich kann alles! Und am nächsten Tag wünscht man sich, der Bankautomat könnte irgendwie Cents ausspucken.  Insofern: Sicherlich gibt es bei den grundsätzlichen Rahmenbedingen für die Unternehmerinnen und Unternehmer in Deutschland Dinge, die gut laufen, aber auch einige, die noch besser werden könnten. Das fängt bei der Bildung an: Wir müssen unseren Kindern und Jugendlichen mitgeben, dass Unternehmertum eine echte Alternative ist. Und es muss auch danach als Möglichkeit ins Bewusstsein gerufen werden, etwa beim Arbeitsamt. Da müssen Menschen arbeiten, die auch ein unternehmerisches Verständnis mitbringen – dass das fehlt, habe ich selbst gemerkt, als ich mich vor über drei Jahren selbstständig machen wollte. Neben dem gesellschaftlichen Mind set gibt es noch einen dritten Aspekt, der für junge und kleine Unternehmen immer wieder herausfordernd ist: Regularien. Wenn wir über Regulation sprechen, denken wir oft an große Unternehmen. Aber auch mich trifft die Datenschutzgrundverordnung, ich habe rund 15.000 Euro dafür investiert, um mich ihr anzunähern und wir sind immer noch nicht am Ende. Dieses Geld hätte ich sehr gerne in meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter investiert.

Herr Schäfer-Gümbel das müssen Sie kommentieren. Digitalpolitik wird nur für Konzerne gemacht, stimmt das?

TSG: Mir wird im Moment entschieden zu wenig Datenschutzpolitik gemacht. Ich glaube auch, dass gerade die Datenschutzgrundverordnung eine Chance für uns ist, ein mögliches Qualitätsmerkmal. Trotzdem gibt es für Startups viele Bürokratiethemen, viele auch zu Recht. Aber wir brauchen auch Freiräume zum Experimentieren, das beobachte ich etwa auch in Hessen, da stellen sich bei FinTechs schnell Fragen rund um die Finanzaufsicht. Das hat natürlich immer mit dem einzelnen Unternehmen und dem einzelnen Produkt zu tun, deswegen gibt es dort auch keine formelhaften Möglichkeiten für Ausnahmen.

Jenseits der 15.000 Euro, die Sie die Datenschutzgrundverordnung gekostet hat: Wie kommen Sie, Frau Onaran, denn inhaltlich eigentlich damit zurecht? Sind diese Richtlinien für Sie ganz praktisch im Alltag im Unternehmen anwendbar?

Onaran: Ich habe zwei Unternehmen: Das eine ist eine PR-Beratung, das andere ist die Initiative „Global Digital Women“, die sich für Frauen aus der Digitalbranche einsetzt. Wir machen viele Veranstaltungen und das stellt uns mit der DSGVO schon vor große Herausforderungen. Wir müssen etwa schriftlich definieren, was mit den Daten der Visitenkarten gemacht wird, die die Teilnehmer in eine Box werfen können. Ein Beispiel, das zeigt: Wir müssen aufpassen, dass wir hier nicht überregulieren. Ich war vergangenes Jahr länger in den USA und habe dort oft die Lanze für unsere tollen deutschen Unternehmer hochhalten müssen. Aber ich habe auch gemerkt: Wir diskutieren oftmals viel und lange, andere Länder überholen uns währenddessen. Wir müssen also schneller werden, auch in der Politik.

Thorsten Schäfer-Gümbel spricht bei seiner Buchvorstellung

SPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel bei seiner Buchvorstellung. Foto: Sebastian Semmer

Herr Schäfer-Gümbel, die Politik ist Ihrerseits vielleicht gar nicht in der Lage, die von Ihnen angestoßenen Ideen institutionell aufzugreifen – weil sie ihrerseits die Digitalisierung noch gar nicht begriffen hat, geschweige denn gibt es Personen, die sie umsetzten können. Wie sehen Sie das?

TSG: Ich stimme zu: Wir müssen schneller werden und entschiedener an bestimmten Stellen. Gleichzeitig bin ich sehr dafür, gerade den Erfolg eines demokratischen Rechtstaates zu bewahren, nämlich das Recht auf Überprüfbarkeit und Rückholbarkeit von Entscheidungen. Denn es geht am Ende um deutlich mehr, als um das Interesse eines einzelnen Unternehmens. Wir müssen also versuchen, einen Mittelweg zu finden, mit dem einerseits die großen Stärken des demokratischen Rechtstaats erhalten bleiben und wir anderseits auch neben dem ökonomischen Wettbewerb staatsautoritärer Systeme bestehen können.

Onaran: In der Wirtschaft reden wir viel über New Work, neue Arbeitsräume, flachen Hierarchien und so weiter. Ich würde mir diese New-Work-Debatte für die Politik wünschen. Da sind alle Parteien gefragt, nicht nur die SPD, auch mehr auf Schnelligkeit, Innovation und eine unternehmerische Denke zu setzten.

TSG: Der politische Prozess muss offener und pluralistischer werden, da geht es häufig zu langsam voran, da bin ich völlig bei Ihnen. Aber die Form der Staatsmodernisierung betrifft nicht nur die Politik, sondern auch die Verwaltung. Ich hätte mir gewünscht, dass wir bestimmte Innovationsthemen in den vergangenen 15 Jahren anders beantwortet hätten. Etwa in der Automobilindustrie, wo man etwa in den Vereinigten Staaten oder der Volksrepublik China versucht, hin zu einer nachhaltigeren Mobilitätsentwicklung zu kommen – da würde ich mir hierzulande deutlich mehr Dynamik wünschen. Ich würde mir auch in anderen Innovationsbereichen sehr viel mehr Tempo wünschen. Aber das ist nichts, was in einem demokratischen Rechtsstaat und einer sozialen Marktwirtschaft wie unserer einfach durch den Staat verordnet wird. Das ist das Ergebnis von sehr grundlegenden Prozessen in Wirtschaft, Gewerkschaften, der Zivilgesellschaft, Wissenschaft und vielem mehr.

Onaran: Wir müssen in Deutschland noch stärker auch „out of the box“ denken. Uns noch stärker nach außen vernetzen, noch diverser werden – nicht nur in Bezug auf das Geschlecht, sondern auch bezüglich Herkunftsländer und Mentalitäten. Das ist gerade für Unternehmen, die nicht international agieren und entsprechend aufgestellt sind, eine große Herausforderung. Es ist ungesund für eine Organisation, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter 25 Jahre in ein und derselben Position arbeiten.

TSG: Richtig, wir müssen diese Veränderungen gestalten. Mit Weiterbildung etwa, mit Möglichkeiten, auch andere Jobs auszuprobieren, und einer Wahlarbeitszeit. Denn nicht nur die Unternehmen, auch die Arbeitnehmer brauchen Wahlmöglichkeiten und Flexibilität. Gleichzeitig aber muss es Sicherheit in diesem Veränderungsprozess zu geben. Denn viele Debatten rund um die Digitalisierung sind angstgetrieben. Angst ist nie ein guter Ratgeber, führt zu Blockaden – und zwar nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich. Wir müssen also persönlichen Chancen auf der einen Seite aber kollektiven und solidarischen Schutz auf der anderen austarieren.

Ängste sind ja generell ein Thema in diesem enormen digitalen Wandel. Nehmen wir einen Busfahrer, der hier durch Berlin fährt und sich mit Blick auf die Entwicklungen im autonomen Fahren um seinen Job sorgt. Wie gehen wir mit den möglichen Verlierern des digitalen Wandels um?

Onaran: Wenn wir immer darüber nachdenken, was eigentlich schieflaufen könnte, dann werden wir immer stagnieren und auch nicht weitermachen. Wir müssen uns daher die Frage stellen: Was kann der Busfahrer stattdessen machen? Hat der vielleicht andere Talente, wo wir ihn einsetzen können? Wie müssen wir ihn tatsächlich weiterbilden? Es ist also vieles eine Frage des Mindsets, Einstellungssache eben, wie wir diesem Wandel begegnen.

Wir reden hier aber von teils beachtlichen Zahlen, die die potenzielle Wahrscheinlichkeit beschreiben, dass Tätigkeiten von Computern statt Menschen ausgeführt werden könnten – teilweise über fünfzig Prozent, etwa in sogenannten Helferberufen oder Fachkraftberufen.

TSG: Das stimmt, dennoch ist gerade der Busfahrer kein glückliches Beispiel, da ich eher mit teilautonomen als völlig autonomen Angeboten rechne, das begründe ich auch in meinem Buch. Aber sicher: In anderen Berufsfeldern werden möglicherweise Aufgabenprofile verschwinden, etwa bei Finanzdienstleistungen. Es gibt auch erste Supermärkte, die funktionieren ohne Verkäuferinnen und Verkäufer. Entsprechend muss man Menschen befähigen, etwas Neues, etwas anderes zu machen. Diese Fragen – wie wollen wir in Zukunft leben, wie wollen wir arbeiten, ja auch grundsätzliche Verteilungsfragen – müssen wir stellen. Und dafür müssen wir mehr Mut haben, wir müssen experimenteller sein. Es gibt keine Schablone für die sozialdigitale Revolution, mit der wir sagen können: So wird es sein.

 

Das schriftliche Interview ist eine gekürzte Version der vor Ort geführten Diskussion, die Sie hier in Gänze nachsehen können:

 

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