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Plastikfrei leben klingt nach einer guten Sache für die Umwelt, ist aber gar nicht so leicht – denn wie finden Verbraucher Produkte ohne Plastikanteil und ohne Plastikverpackung? Malte Biss, ehemaliger Ressortleiter Unterhaltung der BILD, möchte plastikfreie Produkte besser kenntlich machen. Deshalb hat der einstige Journalist die Initiative Flustix, was eine Wortkombination aus „free from plastics“ darstellt, gegründet und zeichnet nun plastikfreie Produkte mit unterschiedlichen Siegeln aus.

In unserem Interview spricht Malte Biss über Plastik in plastikfreien Produkten, die Grenzen von Plastikfreiheit und seinen beruflichen Wechsel.

Herr Biss, Ihr Unternehmen vergibt Plastikfrei-Siegel. Um die Zertifizierung zu erhalten, dürfen Produkte aber 0,5 Prozent Plastikanteil besitzen, sind unter Umständen also doch nicht plastikfrei. Was denn nun – plastikfrei oder eben nicht?

Dieser Grenzwert hängt unter anderem mit dem Recycling von Papier zusammen. Wenn Sie etwa verklebte Kartons recyceln, sind diese vorher oft mit Klebeband verschlossen worden, manchmal ist auch Styropor mit drin. Diese Kunststoffteile, u.a. aus dem Kleber, sind oft so winzig, dass sie im Recyclingprozess nicht herausgefiltert werden können. Entsprechend können sie in jedem recycelten Papier Kunststoffreste wiederfinden. Würden wir also einen Grenzwert von null Prozent Plastik für unser Siegel ansetzen, müssten wir zum Beispiel Recyclingpapier ausschließen. Das Umweltbundesamt und das Umweltministerium haben uns aber ans Herz gelegt, auch die Kreislaufwirtschaft zu berücksichtigen. Und das machen wir, weil das Plastik dort nicht absichtlich eingesetzt wird, sondern eine Kontamination darstellt.

Nun gibt es aber auch andere Umweltsiegel, etwa den Blauen Engel. Warum reicht das nicht?

Ein Blauer Engel zeichnet den Umweltvorteil in einem Produkt aus und ein Verzicht auf Plastik muss ja nicht immer ein Vorteil für die Umwelt sein. Wenn wir jetzt an den Transportbereich denken: Es spart CO2, wenn Unternehmen dort wiederverwendbare Kunststoffe einsetzen. Würde ein Transportunternehmen also zu uns kommen und fragen: „An meine LKW baue ich jetzt Metallplanken an und transportiere nur noch in großen Metallbehältern, kann ich die als plastikfrei auszeichnen?“, dann sagen wir „Nein, das ist nicht sinnvoll, weil es nicht ökologisch sinnvoll ist.“ Kurzum: Wir schauen nicht nur, ob etwas plastikfrei ist, sondern auch ob es Sinn macht, ein Plastikfrei-Siegel zu vergeben. Insofern geht es uns – wie dem Blauen Engel – um die Umwelt, aber unser Fokus liegt auf dem Umgang mit Plastik.

Bisher tragen eine Handvoll Produkte das Siegel, die ohnehin schon Nachhaltigkeit ganz oben in ihrer Unternehmensphilosophie stehen haben, aber noch nicht im herkömmlichen Supermarkt zu finden sind. Was nützt dann das Siegel noch?

Dass als Erstes visionäre Hersteller auf uns zukommen, die das Thema erkannt haben und bereits plastikfreie Produkte herstellen, liegt in der Sache der Natur. Bevor sich ein Big Player umgestellt hat, bedarf es eines langen internen Prozesses, das dauert. Wir stehen derzeit mit den großen Handelskonzernen im Kontakt, der Fokus liegt auf deren Eigenmarken, insbesondere im Kosmetik- und Wasch-, Putz-, und Reinigungsmittelbereich – gerade mit Blick auf die Mikroplastikfreiheit.

Um das Siegel benutzen zu dürfen, müssen Unternehmen dafür zahlen. Diese könnten aber auch selbst „plastikfrei“ auf ihr Produkt schreiben – ohne Ihr Siegel.

Der Anreiz für das Unternehmen ist ganz klar: Durch uns kommunizieren sie eine geprüfte Sicherheit an die Konsumenten. Und diese werden immer sensibler, was erstens die Plastikproblematik und zweitens generelle Nachhaltigkeit angeht. Wir haben derzeit sehr viele Produkte in der Prüfung. Besonders im Kosmetikbereich besteht eine sehr hohe Nachfrage nach zertifizierter Plastikfreiheit. Alle spüren, dass unser derzeitiger Umgang mit Plastik langfristig nicht gut sein kann. Es gibt zunehmend eigene Deklarierungen zur Plastikthematik, doch nur Flustix bietet unabhängig geprüfte Sicherheit und Klarheit für Unternehmen und vor allem Verbraucher bei der Kennzeichnung zum Umgang mit Plastik.

Und doch verteufeln Sie Plastik nicht grundsätzlich.

Stimmt. Wir wollen nicht Kunststoff stigmatisieren, denn Kunststoff ist ein genialer Wirkstoff, nur unser Umgang damit ist seit langem und derzeit nicht richtig. Stattdessen möchten wir dort Plastik vermeiden, wo es wirklich sinnvoll vermeidbar ist.

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Gehen Sie selbst aktiv auf Unternehmen zu, um sie auf die Möglichkeiten Ihres Siegels aufmerksam zu machen?

Wir können es uns erstens gar nicht erlauben, hier einfach zu sitzen und zu warten, dass jemand anklopft, und zweitens können wir viel mehr bewegen, wenn wir auf die Player zugehen und davon überzeugen umzudenken. Wir sind Dienstleister für Unternehmen im Interesse der Umwelt. Warum soll man seine guten Taten nicht prüfen und dann jedem sichtbar machen? Flustix ist Kennzeichnung für gute Taten.

Sie bieten aber nicht nur ein, sondern gleich fünf verschiedene Flustix-Siegel an.

So ist es. Das hat sich aber auch entwickelt, denn nicht jedes Produkt kann komplett plastikfrei sein, wie beispielsweise ein Handy, ein Computer oder Transportkisten. Oder aber es muss eine Plastikverpackung geben, dafür ist aber das Produkt an sich plastikfrei – wie in der IT-Branche oder im medizinischen Bereich, wo die Plastikverpackung für Hygiene oder Sterilität und Schutz sorgt. So haben sich auch unsere Siegel ausdifferenziert, aber die Mutter aller Plastikfrei-Siegel ist das plastikfreie Gesamtprodukt.

Sie erwähnen auf Ihrer Website, dass Sie Umweltorganisationen, Forschung, Aufklärung zum Thema Plastikreduktion unterstützen. Wie sieht diese Unterstützung denn konkret aus?

Da gibt es für uns unterschiedliche Stufen. Einerseits arbeiten wir sehr stark in den sozialen Medien, um die Konsumenten zu erreichen und sie für das Thema zu sensibilisieren. Hinzu kommt, dass wir eine sehr aktive Öffentlichkeitsarbeit betreiben, weil wir glauben, dass die Wirtschaft am allergrößten Hebel sitzt und der Konsument ein Umdenken der Wirtschaft honorieren wird. Andererseits nehmen wir an unterschiedlichen Gremien und Dialogforen wie dem Runden Tisch Meeresmüll und dem Dialogforum Kreislaufwirtschaft bei NGOs oder Ämtern wie auch Ministerien teil. Wir wollen über die Wirtschaft etwas erreichen, wir ketten uns nicht an und demonstrieren, sondern wir versuchen im Interesse der Umwelt alle an einen Tisch zu bringen. Wir waren inzwischen schon zwei-, dreimal bei der Europäischen Union und haben uns da in die Kommission zur Plastikstrategie eingebracht. Diese begrüßt unseren Ansatz sowie unsere Definition von Plastikfreiheit und zuletzt hat die ECHA uns darin bestätigt. Zudem sind wir als erstes Verbrauchersiegel als Unionsgewährleistungsmarke – kurz UGM – registriert worden. Da sind wir sehr stolz drauf.

Klopfen für Ihre Siegel dann auch schon Unternehmen aus dem EU-Ausland an?

Es gibt starkes Interesse und Anfragen aus Italien und Spanien, aber natürlich fokussieren wir uns erstmal auf den deutschen Raum. Wenn wir jetzt nur mal unseren Kosmos, zum Beispiel die Ostsee, betrachten: Der Müll, der in der Ostsee gefunden wurde, besteht zu 80 Prozent aus Plastikmüll. Das ist Müll, der aus der Region, von uns selber, kommt. Insofern würde ich nicht mit dem Finger auf die anderen zeigen, sondern immer gucken, was ich selbst besser machen kann.

Im Bereich Nachhaltigkeit gibt es ja einen Trend von vielen verschiedenen Initiativen, zum Beispiel die Klimakompensation. Begrüßen Sie die Vielzahl an Initiativen oder fänden Sie eine Bündelung besser?

Eine Bündelung der Energie kann langfristig Sinn machen, aber zunächst muss die Gesellschaft für unseren Umgang mit der Umwelt und Plastikfreiheit sensibilisiert werden. Daher begrüße ich jede Initiative, weil eine jede Aufmerksamkeit auf das Thema bringt, wie auch die Ocean-Cleanup-Aktionen. Ob es sinnführend ist, dass unsere Weltmeere durchsiebt werden sollen, können entsprechende Wissenschaftler schlussendlich am besten bewerten. Flustix aber will dafür sorgen, dass gar nicht erst Plastik ins Meer gelangt. Um ein Bild aus meiner Rolle als Familienvater zu bemühen: Wer räumt schon gern das Kinderzimmer auf, wenn hinterher jemand wieder alles aus den Schränken reißt?

Neben der Vaterrolle sind Sie nun auch Gründer und Geschäftsführer eines Unternehmens. Bleibt da noch Zeit für Journalismus oder haben Sie den der Umwelt zuliebe nun an den Nagel gehängt?

Einmal Journalist, immer Journalist. Bleibt nicht aus. Was ich aus dem Journalismus in die Initiative mit reingenommen habe, sind meine Neugierde, meine Ungeduld und meine Detailversessenheit. Die haben mir bei dieser Initiative sehr geholfen und ich stelle jede Frage, auch wenn ich kein Journalist mehr bin. Aber Flustix füllt mich voll aus, wie es auch der Journalismus zuvor getan hat. Ich bin eigentlich immer noch als Journalist tätig, nur bin ich jetzt monothematisch und kein Generalist mehr. Ich habe mir ein neues Ressort aufgemacht.

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