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Sommerzeit ist Lesezeit – auch in diesem Jahr werden wieder viele Deutsche am Strand die Bücher auspacken, sich zurücklehnen und in aller Ruhe die Lektüre angehen, die den Urlaub literarisch versüßen soll. Aber welche Urlaubslektüre lohnt sich im Sommer 2018? Wir stellen „Selbstrufmord“ von Martin Tietjen (S. Fischer Verlag), „Rimini“ von Sonja Heiss (Kiepenheuer&Witsch), „Die Totengräber: Der letzte Winter der Weimarer Republik“ von Rüdiger Barth und Hauke Friederichs (S. Fischer Verlag) sowie „Herr Brechbühl sucht eine Katze“ von Tim Krohn (Galiani-Berlin) vor. Mit unseren Rezensionen zu diesen Büchern bekommen Sie literarische Urlaubslektüre-Tipps von unterhaltsamen Sachbüchern und Romanen. Sollte Ihnen der Sinn im Urlaub doch eher nach Titeln zu Innovationsthemen stehen, empfehlen wir diese Liste mit Büchern.

Rezension zu Martin Tietjen: „Selbstrufmord. Geschichten, die man eigentlich nicht erzählen sollte

„Wir werden vielleicht an unseren Träumen scheitern, aber wir werden nicht an ihnen sterben“, schreibt Marten Tietjen gegen Ende seines Buchs. Dabei könnte dies ganz vorne stehen, als Wort zum Geleit, denn „Selbstrufmord“ behandelt eben jenes Streben: den Versuch Martin Tietjens, seinen Traum zu realisieren und ein großer TV-Moderator zu werden. „Unbekannt aus Funk und Fernsehen“ heißt es da auf dem Störer des Buchcovers, was mit der Wahrheit geschickt kokettiert – Tietjen war zumindest kurz bei VIVA, dann bei Joiz, heute ist er als Backstage-Moderator für RTL-Formate unterwegs. Der geneigte Zuschauer könnte ihn also durchaus gesehen haben, aber der von ihm ersehnte, große Durchbruch war all das bisher nicht.

Genau mit diesem fehlenden großen Wurf geht Tietjen in seinem Buch offensiv und unterhaltsam um, genauso wie mit den – und da kommt der Untertitel des Buchs ins Spiel – „Geschichten, die man eigentlich nicht erzählen sollte“. Dazu sollen wohl jene Anekdoten über spontane Kreuzfahrten mit noch zu frischen Dates und seine Reaktionen auf homophobe Kommentare gehören. Aber eigentlich sind es genau jene Geschichten, die eine Autobiografie ausmachen: Authentisch aus etwas mehr als 30 Jahren Lebens- und Medienerfahrung, gepflastert mit schwierigen beruflichen wie privaten Entscheidungen und kurzweiligen Anekdoten.

Kurzum: „Selbstrufmord“ ist ein Buch, das unterhält und den Spirit der in der Gründerszene beliebten Fuck-up-Nights in sich trägt: Fehler erzählen, drüber lachen, weitermachen – und natürlich weiter an die eigenen Träume glauben.

Rezension zu Sonja Heiss: „Rimini

Es gibt sie noch: Die deutschen Romane, die das richtige Maß zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit, Kurzweil und Anspruch finden. Sonja Heiss ist so einer gelungen – „Rimini“. Es ist ein Blick hinein in eine Familie, die so normal und gleichzeitig so absurd ist wie wohl jede Familie, in die man tieferen Einblick erhält. Da sind Alexander und Barbara, die sich mittlerweile im Rentenalter befindenden Eltern von Masha – keine Kinder, unverheiratet – und Hans – Kinder, verheiratet, zweiteres aber weitestgehend unglücklich. Während Masha zwischen Kinderwunsch, der dazu erforderlichen Vatersuche und ihrer Schauspielerei wankt, landet Hans auf der Couch einer Therapeutin, um seine Wut in den Griff zu bekommen, was aber die Ehe auch nicht mehr rettet.

Die eigentlichen Stars sind aber Barbara und der ständig um sie herum scharwenzelnde und sie einengende Alexander, deren Beziehungsleben Sonja Heiss mit einer Einfühlsamkeit beschreibt, dass man das Paar selbst zu kennen glaubt: jahrzehntelang zusammen, vertraut mit den Macken des anderen, aber dennoch nicht mit ihnen arrangiert, geschweige denn liebgewonnen – und doch aneinander gebunden. Da macht es nur Sinn, dass der titelgebende Ort Rimini Teil ihrer gemeinsamen Vergangenheit ist und die dort stattgefundenen Ereignisse Auswirkungen bis in die Gegenwart haben.

Wo andere Romane entweder ein historisches Setting für eine Familiensaga wählen oder eine verwirrungsreiche, letztlich aber platte Sie-will-ihn-erst-nicht-dann-aber-doch-Geschichte in familiärem Setting erzählen, spielt „Rimini“ im Jetzt und schafft es gekonnt, zwischen der Lebenswirklichkeit dieser Familie und unterhaltsamer Überspitzung zu wechseln. Ein Roman, wie gemacht für den Urlaub.

Rezension zu Rüdiger Barth und Hauke Friederichs „Die Totengräber: Der letzte Winter der Weimarer Republik

Während Jugendliche heute keine Kanzlerin außer Angela Merkel kennen, war die Weimarer Republik geprägt von häufig wechselnden Kanzlern und Regierungen. Die Autoren Rüdiger Barth und Hauke Friederichs setzen in „Die Totengräber“ ein mit dem Ende der Regierung Franz von Papens im Jahr 1932. Ein Jahr, das mit dessen Vorgänger Heinrich Brüning und Papens Nachfolger Kurt Schleicher gleich drei Kanzler haben wird. Tag für Tag erzählen die Autoren ab von Papens Rücktritt den verschlungenen Weg bis zum 30. Januar 1933, dem Tag, an dem Adolf Hitler Reichskanzler wird.

Barth und Friederichs selbst beschreiben ihre Erzwählweise damit, „mit den Mitteln der dokumentarischen Montage“ gearbeitet zu haben. Soll heißen: Ihre chronologische Erzählung nimmt, historisch fundiert, die Perspektive verschiedenster Akteure der Zeit ein – von politischen Protagonisten wie Kurt von Schleicher und Joseph Goebbels, aber auch jene der Journalistin Bella Fromm und des amerikanischen Gewerkschaftsfunktionärs Abraham Plotkin. Ähnlich wie Florian Illies „1913“ montiert „Die Totengräber“ die oft kurzen, persönlichen Eindrücke der Protagonisten hintereinander, ganz wie die Szenen einer Serie, die durch die Wirren und Intrigen der ersten deutschen Demokratie führen.

Rüdiger Barth und Hauke Friederichs ist ein Buch gelungen, das deutsche Geschichte kurzweilig und lebendig erzählt, Wendepunkte und Wendemanöver deutlich macht – und zeigt, wie anders Demokratie zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts in Deutschland gelebt wurde.

Rezension zu Tim Krohn „Herr Brechbühl sucht eine Katze

Lassen sich 65 Gefühle, die titelgebend für je ein Kapitel sind, zu einem in sich geschlossenen Roman zusammenfügen? Ja, wenn man ihn so angeht wie Autor Tim Krohn. Denn diese Gefühle – von Heiterkeit über Pioniergeist bis Glück – durchleben die elf Bewohner eines Zürcher Genossenschaftshauses zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Zu den Bewohnern gehören die alleinerziehende Lektorin Julia Sommer, die im stetigen Spagat aus Beruf, Alltag und Fürsorge für ihre vierjährige Tochter Mona steckt, der smarte und attraktive Student Moritz Schneuwly und der dem Buch namensbegebende Hubert Brechbühl, Tramfahrer a. D.

Sie alle leben ihr Leben mit Höhen und Tiefen und den natürlichen Verflechtungen, die Mieter in einem gemeinsam bewohnten Haus erleben – Streitereien und Affären inklusive. Dabei ist „Herr Brechbühl sucht eine Katze“ nur der erste Band der Romanserie „Menschliche Regungen“, die ihren Anfang im Crowdfunding nahm. Mit dem Auftakt gelingt es dem Autor geschickt, die einzelnen Figuren durch die Geschichten hinweg zu entwickeln und so einen Episodenroman zu schaffen, der im Positiven an die Kurzweil von Vorabendserien erinnert.

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