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Morgens um neun im Waggon

Eine Reisegruppe sitzt im Zugabteil der Transsibirischen Eisenbahn und lernt Russisch. Es gibt weder einen Seminarraum noch einen Stundenplan, sondern lediglich einen wackeligen Klapptisch und ein Schulheft auf dem Schoß. Während draußen die Landschaft vorbeizieht und der Waggon monoton ruckelt, werden Vokabeln wiederholt und Sätze geübt. Im Abteil liegt der Geruch von Wachsmalkreide in der Luft – bewusst erzeugt, um ein kleines Stück Klassenzimmer zu simulieren. Der Unterricht beginnt pünktlich gegen neun Uhr morgens, egal wo der Zug gerade unterwegs istEs geht dabei aber nicht immer nur ums Lernen – hält der Zug, stehen Stadtrundfahrten, Marktbesuche oder freier Ausgang aus. Wenn Reisende den Weg nicht rechtzeitig zurück aufs Gleis fanden, übernahmen die russischen Behörden die Rolle eines Gepäckdienstes und transportierten die Verirrten zum nächsten Stopp des Zuges. 

Ein Missverständnis als Ausgangspunkt

Diese Szene aus »Wer hat unsere Lok geklaut?«  stammt aus den Anfangsjahren von „Lernidee Erlebnisreisen“ und entstand aus einem Missverständnis: Gründer Hans Engberding wollte zunächst Russischkurse in Deutschland anbieten. Viele Interessierte lasen sein – zugegebenermaßen etwas vage formuliertes – Angebot eines „Reisesprachkurs Russisch“ jedoch so, als würde der Kurs tatsächlich in Russland stattfinden. Anstatt diesen Fehler zu korrigieren, griff er die Fehlinterpretation auf und dachte sie weiter. Genau diese Flexibilität im Denken und Handeln ist es, der Erfindergeist ausmacht. Wenn man Nachfrage nicht abwehrt, sondern als Chance versteht, kann aus einem Kurs ein Format entstehen: Lernen wird an Reise, Kontext und Anwendung gekoppelt. So entwickelt sich Schritt für Schritt mehr als nur ein Sprachkurs, nämlich der Grundstein für eins der erfolgreichsten Reiseunternehmen Deutschlands.

Das Neue liegt deshalb weniger in einer technischen Erfindung als in der Form. Weder war der Sprachkurs neu, noch die Reise mit der Transsib. Es ist vielmehr ein neuer Kontext, den die Organisatoren der Reise geschaffen haben: Aus Sprachkurs und Bahnreise wurde ein Sprachkurs auf der Bahnreise. Wenn der Unterricht aus dem starren Rahmen gelöst wird, dann findet er nicht mehr dort statt, wo er vermeintlich „hingehört“, sondern dort, wo Alltag passiert: im ruckelnden Abteil, zwischen Teeglas und Klapptisch, mit der vorbeiziehenden Landschaft als permanentem Hintergrund. Das Lernen wird nicht vorbereitet, sondern begleitet. Wenn Sprache nicht mehr abstrakt bleibt, sondern sich an konkrete Augenblicke koppelt, dann entsteht ein unmittelbares, einleuchtendes Ergebnis.  

Vom Sprachkurs zum Reiseunternehmen

Ein Abteil wird zum Unterrichtszimmer und die Reisezeit wird zur Lernzeit. So entsteht aus dem „Reisesprachkurs“ ein Konzept, das näher an der Realität ist als ein klassischer Kurs – und das schließlich zur Grundlage der Firma Lernidee wird. Was als Sprachschule begann, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einem Reiseunternehmen: Lernidee steht heute für einzigartige Bahn- und Erlebnisreisen, bei denen das Unterwegssein selbst Teil der Geschichte ist. Genau darin steckt hier der Erfindergeist: etwas Bestehendes neu zusammenzusetzen, bis daraus ein ganzes Geschäft entsteht 

Dabei geht es – wie so oft bei Innovationen – nicht um Perfektionismus, sondern um klare, strategische Entscheidungen: Wenn Teams nicht nur Einzelheiten optimieren, sondern mutige Entscheidungen treffen, entsteht Freiraum für echte Neuerungen. Erfindergeist wirkt dabei weniger wie ein plötzlicher Geistesblitz, sondern vielmehr wie eine stetige Weiterentwicklung durch kluge Entscheidungen. Auch die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) beschreibt Innovation als Weiterentwicklung bestehender Lösungen, also als schrittweise Anpassung statt permanenter Revolution. Kleine Schritte statt großem Wurf aus dem Stand. 

Feedback als Erkenntnisquelle

Was wir aus dieser Geschichte auch lernen können: Kundinnen und Kunden liefern nicht nur fertige Lösungen, sondern senden auch über Rückfragen, Missverständnisse, Umwege, Beschwerden und unerwartete Begeisterung wertvolle Signale. Genau hier steckt der Rohstoff für Neues, der allzu oft übersehen wird. Wenn wir „Feedback” nicht als Störung, sondern als Hinweis darauf verstehen, wie ein Angebot tatsächlich erlebt wird, dann wird der Alltag zu einer Quelle für neue Erkenntnisse. So wie Lernidee-Gründer Hans Engberding, als er einen Sprachkurs kurzerhand auf die Schiene verlegte. 

 

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