Unternehmen planen gern sauber, strategisch und mit klaren Zielen. Doch in der Realität verläuft Entwicklung oft anders. Märkte verändern sich, Kunden erwarten plötzlich etwas Neues, und selbst erfolgreiche Firmen merken, dass alte Gewissheiten nicht mehr tragen, so unsere Autoren René Korte und Johanna Ober-Sundermeyer in ihrem neuen Buch »The Adaptive Company«. Für Sie ist Adaptivität der Schlüssel – also die Fähigkeit eines Unternehmens, sich aktiv, kontinuierlich und systematisch an Veränderungen im Umfeld anzupassen. Wie Unternehmen Adaptivität in ihrer DNA verankern, zeigen wir in diesem Beitrag anhand von drei konkreten Beispielen.
Melitta: Adaptivität als Problembewusstsein
Die Geschichte des Unternehmens Melitta beginnt 1908. Melitta Bentz störte sich am Kaffeesatz in der Tasse und entwickelte mit einfachen Mitteln eine neue Lösung: Löschpapier, Messingbecher, Hammer und Nagel. Aus dieser Antwort auf ein konkretes Problem entstand nicht nur der Kaffeefilter, sondern in der Folge ein ganzes Unternehmen. Dass es Melitta über 100 Jahre später noch gibt, ist kein Zufall. Die Gründungsgeschichte zeigt, wie aus einem klar erkannten Problem und vorhandenen Mitteln etwas Neues entstehen kann. »The Adaptive Company« führt diesen Gedanken weiter und zeigt, wie daraus ein Unternehmen wurde, das sich über Jahrzehnte immer wieder weiterentwickeln und neu erfinden musste.
Wie konkret Adaptivität aussieht, zeigt Johanna Ober-Sundermeyer aus dem Melitta-Team an einem Beispiel bei der Entwicklung eines neuen Produktes. In Fokusgruppen stieß eine neue Produktidee auf harte Kritik, sogar mit dem Satz: „Mutig, das als Kaffee zu bezeichnen.“ Das Team hielt nicht am ersten Konzept fest, sondern drehte es „um 180 Grad“. Aus dem ursprünglichen Ansatz wurde am Ende kein klassischer Kaffee, sondern ein Ready-to-Drink-Getränk. Verändert wurde also nicht nur ein Detail wie Geschmack, Verpackung oder Kommunikation, sondern das komplette Konzept. Genau darin zeigt sich echte Anpassungsfähigkeit: Feedback wird nicht ignoriert, sondern genutzt, um eine bessere Antwort auf die Kundenbedürfnisse zu finden.
Airbnb: Adaptivität als spontane Lösung
Airbnb ist heute Weltmarktführer. Das Unternehmen begann aber nicht als perfekt durchkalkuliertes Plattformgeschäft, sondern als spontane Lösung für ein akutes Problem: Als bei einer Konferenz in San Francisco Hotels ausgebucht waren, boten die Gründer kurzfristig Schlafplätze auf Luftmatratzen an. Aus dieser Engstelle machten sie Schritt für Schritt ein Geschäftsmodell. Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, Situationen nicht nur als Störung zu sehen, sondern als Möglichkeit. Die Anpassungsfähigkeit beginnt oft dort, wo eine unerwartete Lage nicht abgewehrt, sondern aufgenommen wird. Entscheidend war dann der nächste Schritt: Aus der einmaligen Lösung wurde ein Modell, das sich wiederholen und auf andere Orte übertragen ließ. Nach den ersten drei Gästen folgte der öffentliche Start, eine eigene Zahlungsplattform, die Ausweitung von Zimmern auf ganze Unterkünfte sowie später die App und internationale Expansion. So entstand aus einer spontanen Idee nach und nach eine Plattform, die für viele Gastgeber und Reisende funktionierte.
Lernidee: Adaptivität als »koordiniertes Improvisieren«
Bei Lernidee Erlebnisreisen wird Anpassung oft durch »koordiniertes Improvisieren« möglich. So nannte es André Sudardjono, Produktmanager und seit über dreißig Jahren im Unternehmen. So kam Lernidee eher nebenbei auch ins Fußball-Business. Ein Anruf beim DFB machte es möglich, Reisen für Fußballmannschaften zu organisieren. Ohne lange Planung oder großes Zögern legten sie los. Es begann ganz „simpel“: Trikots und Medizingepäck mussten durch den Zoll, wie bei einem „geheimen Militärkonvoi“. Auch eine der ersten Reisen für den Karlsruher SC zeigte, wie wichtig spontanes Handeln war. Der Mannschaftsbus war verschwunden und stattdessen wartete ein klappriger Ersatzbus mit einem Fahrer, der kein Wort Deutsch sprach. Trotzdem lief die Aktion rund, weil Hans Engberding und sein Team nicht nervös wurden, sondern nach Lösungen suchten. Später wurden dann sogar Reisen und Hotels für die deutsche Nationalmannschaft organisiert, unter anderem in Moldawien. Improvisation wird hier nicht zur Notlösung genutzt, sondern zur Fähigkeit, auf Probleme, Unsicherheit und neue Anforderungen schnell eine passende Antwort zu finden.
Adaptivität als Erfolgsfaktor
Unternehmen bleiben nur dann relevant, wenn sie Probleme erkennen und auf neue Situationen klug reagieren. Melitta, Airbnb und Lernidee zeigen das auf unterschiedliche Weise. Mal entsteht aus einer Beobachtung eine neue Lösung, mal wird aus einer spontanen Idee ein Geschäftsmodell, mal wird Improvisation zur Methode. Entscheidend ist am Ende nicht der Masterplan, sondern ein agiles Mindset: die Bereitschaft, in unklaren Situationen handlungsfähig zu bleiben, neue Lösungen zu entwickeln und Adaptivität im Unternehmen zu verankern.
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