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Einen Joker spielt man erst, wenn es ernst wird. Oder wenn dringend etwas passieren muss. Oder wenn es keine andere Lösung mehr als die Joker-Lösung gibt. Beim Kartenspiel verhilft der Joker uns zu einem für die Mitspieler unberechenbaren Vorteil. Wer den Joker hat, hat die Chance zu gewinnen. Wenn der Joker sticht. Und das Risiko zu verlieren, wenn er dies nicht tut. Entscheidend ist aber: den Joker erst einmal haben!

Klimaziele treffen auf Realität

Die Bilanz über die Wirkungen des Pariser Klimaabkommens von 2015 fällt nüchtern aus. Immerhin hatten sich 196 Staaten dazu verpflichtet, im Rahmen ihrer nationalen Politik einen Beitrag dazu zu leisten, die Erderwärmung in Zukunft zwei Grad unter dem Durchschnittswert der vorindustriellen Zeit zu halten. Die meisten der unterzeichnenden Staaten, Deutschland eingeschlossen, haben große Mühe, die eigenen Klimaziele über die Instrumente staatlicher Steuerung zu erreichen. Auf diese Entwicklung reagiert unser Autor, der Mathematiker, Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler Franz Josef Radermacher, mit der Forderung nach einem neuen „Denkrahmen“. In seinem jüngst in Berlin vorgestellten neuen Buch „Der Milliarden-Joker“ konstatiert der erfahrene Wissenschaftler und Politikberater: „Die Weltgemeinschaft droht im Klimabereich zu scheitern. Die Zeit läuft davon.“

Klima? Das war früher Sache der Politik

Was war der alte Denkrahmen? Für den Schutz des Klimas – als eine Ressource für unser aller Leben – soll das politische System zuständig sein. Dieses hat den normativen Ordnungsrahmen zu setzen, innerhalb dessen Wirtschaft, Produzenten und Konsumenten sich entfalten dürfen. Ein nachvollziehbarer ordnungspolitischer Ansatz, den Radermacher in seinen früheren Büchern bei uns stets um die Konzeption einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft erweitert hat. Doch dieses Denken genügt nicht mehr zur Lösung des Weltklimaproblems. Daher zieht Franz Josef Radermacher seinen Joker. Sein Name: „Top Emitter“. Gemeint sind diejenigen „1 bis 2 Prozent der Weltpopulation, die über alle Länder der Welt – reiche, weniger reiche und arme – verteilt sind und zum Teil sehr hohe CO2 -Eimissionen erzeugen: 50, 100, 500 und sogar 1000 Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf und Jahr“.

Klimasünder sollen zu Problemlösern werden

Der Unterschied dieses Jokers zum Kartenspieljoker ist seine unrühmliche Vergangenheit. Er betritt sozusagen als Schuldiger das Spielfeld: „Ohne die Emissionen der ‚Top Emitters‘ gäbe es das Klimaproblem nicht. Die ‚Top Emitters‘ profitieren ökonomisch am meisten davon, wenn eine Klimakatastrophe vermieden wird“. Radermacher legt den Hauptverursachern aus den wohlhabenden Teilen der Weltbevölkerung die Karten und bietet ihnen einen neuen Rollenwechsel an: Werdet von Problemverursachern zu Problemlösern, denn die Staaten werden und können über das Pariser Abkommen hinaus nichts unternehmen! Werdet der Klima-Joker, der Milliarden-Joker und spielt endlich eure Macht aus, statt auf umständliche und oft verfehlte „Klimapolitik“ zu warten! Die Zeit ist „reif für ein starkes Engagement des Privatsektors“. Radermacher errechnet ein Einsparpotential von 500 Milliarden Tonnen CO2 bis 2050 durch diese Personengruppe.

Der Klima-Joker ist ein Verantwortungs-Joker

Radermachers Argumentation gründet sich einerseits auf das bekannte Verursacherprinzip, andererseits auf eine Ethik der freiwilligen Klimaneutralität. Obwohl unser Autor über letztere wenig ausführt, scheint mir das sein immaterieller Joker zu sein. Als sein langjähriger Verleger erlaube ich mir diesen Hinweis: Nennen wir diesen ethischen Joker den nützlichen Philanthropie-Joker. Denn letztlich geht es um die Sicherung der Lebensverhältnisse aller – auch die der Top Emitter selbst. Durch das Motiv der freiwilligen Klimaneutralität konfrontiert Radermacher diese „globale Personengruppe“ mit dem Verantwortungs-Joker. Und den halten diese schon in der Hand.