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Mittagshitze, 27 Grad, Sandplatz. Auf den Rängen der TRAM Barcelona Open sitzen zahlreiche Zuschauer. Sie rufen Namen, klatschen nach Ballwechseln und lehnen sich nach vorne, sobald ein Spieler zum Return ansetzt. Auf dem Platz stehen einige der besten Rollstuhltennisspieler der Welt. Die Ballwechsel sind kurz, hart und präzise. Zwischen zwei Schlägen bleibt kaum Zeit. Ein Schlag in die Ecke, ein schneller Griff an die Räder, eine halbe Drehung und wieder zurück in die Mitte. 

Wo die Nische ihr Publikum findet

Solche Szenen sind im Tennis nicht an der Tagesordnung. Bei manchen ATP- oder WTA-Turnieren bleiben die Ränge in den ersten Tagen nur spärlich gefüllt. In Barcelona ist es an diesem Mittag hingegen laut, heiß und lebendig. Viele Zuschauer:innen erleben hier wahrscheinlich zum ersten Mal Rollstuhltennis. Genau darin liegt ein Teil der Antwort auf die Frage, wie eine Nische wächst: Sie muss dorthin, wo sich bereits ein Publikum befindet. In Tennisclubs und auf Turnieranlagen laufen Kinder nach dem Training vorbei, Eltern warten am Rand, Clubmitglieder bleiben kurz stehen und Zuschauer wechseln zwischen den Plätzen. Wer eigentlich nur wegen des eigenen Programms da ist, sieht plötzlich Weltklasse-Sportlerinnen. 

Die ITF Wheelchair Tennis Tour ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. 2025 wurden 183 Turniere in 40 Ländern ausgetragen. Die Tour bietet inzwischen Preisgelder von mehr als drei Millionen US-Dollar. Hinzu kommen die Grand Slams, die Masters-Turniere und immer mehr Veranstaltungen, die im Umfeld großer ATP- und WTA-Turniere stattfinden. In Zukunft soll dieser Weg noch stärker beschritten werden: Es soll mehr gemeinsame Turnierwochen geben, die Standards sollen höher werden und die Sichtbarkeit soll steigen. Für die Spieler bedeutet das einen Kalender, der näher an den großen Profitouren liegt als je zuvor. 

Publikum bei den TRAM Barcelona Open 2026

Die Bühne steht schon 

Tennis hat einen Vorteil gegenüber vielen anderen Sportarten: Die Infrastruktur ist bereits vorhanden. Es gibt Plätze, Turniere, Sponsoren, Medien, Verbände und Zuschauer. Rollstuhltennis musste kein komplett neues System erfinden. Es musste sich lediglich in ein bestehendes System hineinarbeiten und sich dort etablieren. Das gelingt immer besser, denn das sportliche Niveau überzeugt sofort.

Alfie Hewett, Weltranglistenzweiter und Grand-Slam-Champion

Die Barcelona Open zeigen auch, wie wichtig Nähe ist. Die Wege sind kurz und die Spieler bewegen sich ständig zwischen Platz, Trainingsbereich und Turniergelände. Man sieht sie nicht nur im Wettkampf, sondern auch in den Momenten dazwischen. So ergibt sich beispielsweise eine nette Begegnung mit Alfie Hewett und seinem Trainer, als wir an ihnen vorbeilaufen. Wir wechseln ein paar Worte: freundlich, unaufgeregt, offen. Hewett ist OBE, gewann Gold bei den Paralympics, wurde Grand-Slam-Champion und ist eines der bekanntesten Gesichter des Rollstuhltennis. Als Kind wurde bei ihm die Perthes-Erkrankung diagnostiziert. Heute steht er für eine Tour, die professioneller, sichtbarer und selbstbewusster geworden ist. 

Wenn aus Begegnung Wachstum entsteht 

Wachstum entsteht hier nicht aus einem Highlight, sondern aus Struktur. Aus einem verlässlichen Kalender und Orten, an denen der Sport regelmäßig stattfindet. Aus Gesichtern, die man wiedererkennt. Das lässt sich auch auf andere Nischen übertragen, nicht nur im Sport. Ob kleinere Sportarten, neue Kulturformate, Spezialmedien, Podcasts, lokale Festivals oder junge Ligen: Eine Nische wächst, wenn sie auffindbar wird und wiederholt Kontakt zum Publikum bekommt. Sie muss dorthin, wo Menschen ohnehin sind: auf bestehende Veranstaltungen, in Clubs, Schulen, Stadtfeste, Plattformen oder größere Programme.  

Es braucht klare Einstiege für neue Zuschauer:innen, aber auch genug Tiefe, damit Interessierte bleiben. Rollstuhltennis zeigt dafür ein funktionierendes Muster: an vorhandene Infrastruktur andocken, regelmäßig sichtbar sein, starke Persönlichkeiten aufbauen, Zahlen offen zeigen und die Qualität des Produkts für sich sprechen lassen. Eine Nische wird nicht groß, weil man sie einmal entdeckt, sondern weil sie einem immer wieder begegnet.

 

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