Die Kulturtipps im Juni präsentieren ein literarisches Debüt aus der Schweiz, führen musikalisch nach Armenien und stellen ein deutsch-schottisches Orchester vor.
Noa Theobaldy – „Tunnelblick“
„Tunnelblick“ von Noa Theobaldy ist eine schmale Erzählung, die sich wohltuend vom literarischen Mainstream absetzt. Ohne Effekthascherei erzählt sie die Geschichte von Silvan, der auf einer scheinbar gewöhnlichen Zugfahrt in eine surreale Zwischenwelt gerät. Begegnungen mit der rätselhaften Anouk und ihrer Fledermaus, ein endlos fahrender Zug, ein Stillstand im Tunnel, geschlossene Fenster und verhängte Vorhänge verdichten sich zu einem beklemmenden Szenario, die mehr ist als surreale Umstände. Silvans eigene Lebensgeschichte tritt hervor, geprägt vom Verlust seiner Tochter und einem tiefen Gefühl des „Nichtankommens“. Theobaldys Sprache ist knapp, fast spröde. Dabei überträgt sie die existenzielle Verunsicherung des Protagonisten direkt auf die Lesenden und schafft eine eindringliche Atmosphäre zwischen Traum, Angst und Hoffnung.
Noa Theobaldy
Tunnelblick
Verlag die brotsuppe, Biel 2021
Armenische Musik entdecken – Heghine Rapyan und Stéphan Elmas
Die armenische Pianistin Heghine Rapyan, die inzwischen in Salzburg lebt und arbeitet, öffnet mit ihren aktuellen CDs ein faszinierendes Fenster zur armenischen Musiktradition. Diese reicht bis ins Jahr 306 zurück, als Armenien als erstes Land das Christentum annahm und entwickelte sich im 19. und 20. Jahrhundert vielfältig weiter. Im Zentrum von Rapyans Engagement steht Stéphan Elmas, ein in Smyrna – das heutige Izmir – geborener Komponist, der in Wien und Weimar wirkte und von Franz Liszt geschätzt wurde. Wegen einer frühen Ertaubung, durch die ihm versagt blieb, neue musikalische Entwicklungen mitzuerleben, blieb seine Musik tief in der romantischen Klangwelt verwurzelt, geprägt von Komponisten wie Chopin, Schumann oder Liszt. Nicht umsonst bezeichnet man ihn auch als „Chopin von Armenien“. Elmas’ Musik zeichnet sich durch große melodische Schönheit und eine grundlegend positive Haltung aus. Rapyan entdeckte ihn während eines Wettbewerbs in Jerewan, gewann den ersten Preis und widmet sich seither intensiv seinem Werk. Mit Einspielungen, Konzerten und geplanten Projekten – darunter Weltpremieren – setzt sie sich dafür ein, diese zu Unrecht wenig bekannte Musik hörbar zu machen. Ein lohnender Einstieg in eine reiche, vielseitige Klangwelt!
Heghine Rapyan:
The Soul of Smyrna – Complete Piano Sonatas of Stéphan Elmas
Stéphan Elmas „Chopin of Armenia“
beide erschienen bei Solo Musica
Capella Edina – Ein Orchester für Edinburgh
Die Gründung der Capella Edina durch den jungen Münchener Dirigenten Luis Schmidt zeigt, wie aus Leidenschaft ein außergewöhnliches Kulturprojekt entstehen kann. Der 22-jährige kam über sein Studium nach Großbritannien und entdeckte in Edinburgh eine überraschende Lücke: eine Hauptstadt mit großer Musiktradition, aber ohne eigenes philharmonisches Orchester. Er wagte den Schritt zur Orchestergründung und heraus kam ein professionelles Ensemble mit inzwischen rund 300 Musikerinnen und Musikern, darunter auch Studierende. Langfristig plant die Capella Edina internationale Tourneen und möchte insbesondere britisches Repertoire stärker nach Europa bringen.
Foto: Niklas Jeromin von Pexels



