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Die Kulturtipps im Februar führen literarisch an Orte voller Spannung: nach Haiti, ins Nachkriegs-Berlin und ins Ferienidyll Mallorca.

 

Haiti im Fieber 

Haiti verschwindet aus den Schlagzeilen – nicht, weil es dem Land besser ginge, sondern weil das Desaster zur Routine geworden ist. Und genau hier setzt Gary Victor mit seinem Roman „An der Kreuzung der Parallelstraßen“ an. Ende der 1990er-Jahre geschrieben, jetzt erstmals auf Deutsch beim Litradukt Verlag erschienen, liest sich das Buch wie eine düstere Prophezeiung: ein Land kurz vor dem Staatszerfall, beherrscht von Gangs, korrupter Politik und einer Bevölkerung im permanenten Ausnahmezustand. Im Zentrum steht Éric, ein entlassener Beamter, Opfer des Strukturanpassungsprogramms, der in einem von Wut getriebenen Amoklauf durch Port-au-Prince rast. Spiegel erblinden, Heilige wandeln durch die Straßen, ein Populistenführer lässt Gott ermorden – Realität und Surrealismus, Voodoo und politische Paranoia verschränken sich zu einem fiebrigen Höllenritt. Victors Ich-Erzählung hat etwas Trancehaftes zwischen Brutalität und Mystik. Angesichts der realen Gewalt der letzten Jahre wirkt Érics Zorn fast erschreckend nachvollziehbar. Litradukt, seit Jahren Spezialist für haitianische Literatur, legt mit Peter Triers Übersetzung ein seltenes Juwel vor. Absolute Leseempfehlung.

Gary Victor
An der Kreuzung der Parallelstraßen
a.d. Französischen von Peter Trier
Litradukt Verlag, Trier 2025

 

Krimi im Berliner Hungerwinter

Bekannt für ihre Historienromane und nach den Bestsellern um Fräulein Gold wechselt Anne Stern mit „Die weiße Nacht“ ins Krimigenre – wenngleich sie der Historie treu bleibt: Sie entführt ihr Lesepublikum ins Berlin von 1946, ein Hungerwinter, der die Stadt in Kälte und Schwarzmarktgeschäfte hüllt. Statt der nostalgischen Weimar-Atmosphäre ihrer Vorgänger-Bücher, dominieren hier Trümmer und zwei gebrochene Figuren. Da ist zum einen die Fotografin Lou Faber, eine ehemalige Widerstandskämpferin, die mit ihrer Kamera versucht, Distanz zu einer Welt zu gewinnen, die ihr fast alles genommen hat. Und da ist Kriminalkommissar Alfred König, körperlich gezeichnet und moralisch belastet, der die letzten Kriegsjahre im Zuchthaus verbracht hat. Gemeinsam stolpern sie in eine Mordserie, die tief in die NS-Zeit zurückführt und das mühsam verdrängte „Davor“ freilegt. Stern erzählt diese erste Folge der „Lou & König“-Reihe historisch gut recherchiert: Polizeiberichte, Tagebücher, Fotomaterial – die Quellenarbeit spürt man in jeder Szene. Rund um die Kreuzberger Marheineke-Markthalle entsteht so ein dichtes Bild aus Schwarzmarkt, jungen Überlebenskünstlern und einer Stadt, die „von der Königin zur Bettlerin“ geworden ist. Das alles ist ausgesprochen spannend und gleichzeitig ein stimmiges Porträt des Nachkriegs-Berlin.

Anne Stern
Die weiße Nacht
Piper Verlag, München 2026

 

Mallorca unter Spannung

Wer bei Mallorca nur an Strand und Sangria denkt, wird von Anna Nicholas’ Krimi „Das Teufelshorn“ elegant eines Besseren belehrt. Im fiktiven Ort Sant Martí, am Fuß der Tramuntana, liebt man den geduldigen Dorfpolizisten, den zu großen Marktplatz und das langsame Tempo. Mittendrin Isabel Flores Montserrat, 33, Ex-Polizistin mit ruppigem Charme, die nach einem familiären Trauma den Dienst quittiert und nun Ferienwohnungen verwaltet. Als die kleine Miranda Walters verschwindet, kippt die Ferienidylle. Plötzlich ist von Militärpolizei die Rede, von Drogenrouten nach Kolumbien, von einem allzu frommen Kirchgänger, der tot in seinem Haus liegt. Nicholas, seit Jahren auf der Insel heimisch, streut kenntnisreich Feste, Gassen, Café-Alltag ein – man hört fast das Klirren der Kaffeetassen auf der Plaza. „Das Teufelshorn“ ist ein waschechter Feel-Good-Krimi mit Insel-Atmosphäre, Seriencharme und einer ausgesprochen sympathischen Ermittlerin.

Anna Nicholas
Das Teufelshorn
Aus dem Englischen von Eva Regul und
Alexandra Berlina
Diogenes Verlag, Zürich 2025

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