Die Kulturtipps im Januar lassen uns eine ungewöhnliche Künstlerin neu entdecken, kommen mit schwarz-humorigen Mordplänen und lassen uns die Weihnachtsschokolade neu überdenken.
Paula Modersohn-Becker: Kunst ohne Kompromiss
Vor 150 Jahren, im Februar 1876, erblickte eine außergewöhnliche Künstlerin in Bremen das Licht der Welt: Paula Modersohn-Becker. Rechtzeitig zum Jubiläum gönnt uns der Kunsthistoriker Boris von Brauchitsch einen frischen Blick auf die Pionierin des Expressionismus, die mit nur 31 Jahren starb und doch eines der radikalsten Œuvres der Moderne hinterließ. Gestützt auf Tagebücher und Briefe zeichnet er den Weg einer Künstlerin nach, die kompromisslos malte, immer auch an sich zweifelte und sich dennoch gegen die engen Vorstellungen ihrer Zeit behauptete. Zwischen Impressionismus und Expressionismus, Nietzsche und Rilke, frühem Feminismus und deutschem Nationalismus spannt das Buch den Horizont, in dem Modersohn-Becker ihre eigene Bildsprache suchte. Eine Künstlerin, die sich in Paris frei fühlte, aber in Worpswede so etwas wie ein Zuhause fand. Ein Ort im Moor zwischen künstlerischer Freiheit und provinzieller Enge, an dem sich Freundschaft, Rivalität und nationaler Dünkel mischen. Zahlreiche Abbildungen illustrieren anschaulich den Dialog zwischen den Künstlern und zeigen gleichzeitig, wie eigenständig Paula Modersohn-Becker tatsächlich war.
Boris von Brauchitsch
Paula Modersohn-Becker
Insel Verlag, Berlin 2025
Very Bad Widows: Wenn Witwen aufrüsten
Drei Freundinnen, ein verlorenes Erspartes – und plötzlich wirkt eine hohe Lebensversicherung verführerischer als jede Paartherapie. In „Very Bad Widows“ lässt die kanadische Autorin Sue Hincenbergs ihre Heldinnen Pam, Nancy und Shalisa einen Plan schmieden, der so mörderisch wie komisch ist: Die Ehemänner sollen weg, die finanzielle Freiheit her. Dass die Männer mit dem von ihren Gattinnen beauftragten Auftragskiller ganz andere Pläne haben, macht aus der Geschichte ein hoch vergnügliches Verwechslungskarussell. Zwischen Hector, dem Coiffeur mit Killer-Nebenjob, der ehrgeizigen Padma, Tochter der mächtigsten Unterwelt-Bossin Indiens, und den überforderten Gatten und den mörderischen Freundinnen entspinnt sich ein rasantes Spiel aus Missverständnissen, Ehefrust und kriminellen Halbplänen. „Very Bad Widows“ ist ein schwarzer, aber herzlicher Krimi, der eher mit Pointen als mit Blut arbeitet und zwischen herrlich komisch und tragisch ehrlich mäandert – noch nie war ein Auftragsmord so unterhaltsam.
Sue Hincenbergs
Very Bad Widows
aus dem kanadischen Englisch von Charlotte Lungstrass-Kapfer
Piper Verlag, München 2025
The Bitter Side of Sweet: Schokolade mit Beigeschmack
Dieses Jugendbuch macht jede Tafel Schokolade plötzlich schwer im Mund. In „The Bitter Side of Sweet“ erzählt Tara Sullivan von den Brüdern Amadou und Seydou aus Mali, die in Côte d’Ivoire auf einer Kakaoplantage als Kindersklaven schuften – weit weg von Zuhause, ohne Schule und ohne Rechte. Aus Amadous Ich-Perspektive entwickelt sich ein intensiver Roman über Hunger, Erschöpfung und den Versuch, unter Gewalt zu überleben. Die tägliche Zählung der Kakaoschoten entscheidet über Schläge oder ein paar Minuten Ruhe; Hoffnung scheint es nicht zu geben. Bis zu dem Tag, an dem die dreizehnjährige Khadija im Camp auftaucht – wild, widerspenstig und bereit zur Flucht. Zwischen Busch, Lagerbaracken und lebensgefährlichen Ausbruchsversuchen entwickelt sich eine Freundschaft, die Mut macht und die abstrakte Debatte über Kinderarbeit plötzlich erschreckend konkret werden lässt. Zurecht erhielt die Autorin für dieses Werk den „Children’s Africana Book Award Honor“.
Tara Sullivan
The bitter Side of Sweet
Aus dem Englischen von Sandra Knuffinke und Jessika Komina
Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2025



