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Die Kultur in der Welt der Wirtschaft, besonders in den Unternehmen, ist auf den ersten Blick meist nicht sichtbar. Und den geschriebenen Leitbildern, in denen die Kultur einer Organisation kodifiziert wird, unterstellen wir gerne, dass sie nicht gelebt werden. So bleibt die Kultur im Ungefähren.  
Mit dieser Serie möchte ich entlang von alphabetisch geordneten Begriffen kulturelle Phänomene der Wirtschaft sichtbar machen und erörtern. Begriffe ohne Anschauungen sind leer (Kant), so münden viele der folgenden Erörterungen ins Bildhafte und Erzählerische. Das Ungefähre sichtbarer zu machen, um kulturelle Konturen zu erkennen und begreifbar zu machen, ist mein Anspruch.  
Wenn ich in mein Buchregal schaue, erblicke ich das eine oder andere Murmann-Buch, das mich inspiriert hat, über Kultur in der Wirtschaft nachzudenken. Daher endet jedes Stück mit einem Blick ins Regal. 

 

Atmosphäre – Drei Begegnungen 

I

Der Assistent der Geschäftsführung empfing mich unten in der Halle. Ein beeindruckendes Firmen-Foyer. Die Kunstwerke an den Wänden waren großflächig. Sie hätten beeindruckend sein können, wenn da nicht die ungünstigen Lichtverhältnisse gewesen wären, die durch die riesigen Fenster eindrangen und gleißend dem Betrachter die Sicht auf die roten, blauen und violetten Flächen an den gegenüberliegenden Wänden vernebelte. Oder war dieser Effekt gewollt? Ich weiß bis heute nicht, ob dies wertvolle Bilder von namhaften Künstlerinnen und Künstlern oder reine Dekorationen waren. Wahrscheinlich sollte Ersteres suggeriert werden. Die Metalltüren der Aufzüge öffneten sich. Oben angekommen ging es über einen von Bodenlichtern unterbrochenen Betonboden weiter, bis der junge Mann mich in einen großen, rechteckigen Konferenzraum führte, wo ich auf einem der 18 verchromten, schwarzen Lederstühle doch bitte Platz nehmen möge. Ich blieb stehen und musterte die Szenerie. Steril, neutral und kalt oder sauber, professionell und klar. Ich war mir nicht ganz sicher, zu welcher der Beschreibungen ich tendierte. Die schwere Eisentür ging auf und der Chef der PR-Agentur betrat den Raum. Es war zwar ein ritterlicher Auftritt, aber diesen Raum hätte kein Chef der Welt füllen können. Die folgenden 60 Minuten fühlten sich an wie ein Kampf mit der Atmosphäre, für die weder er noch ich etwas konnten. Ergebnislos gingen wir auseinander.  

II  

„Gehen wir doch in den Garten, es ist so schönes Wetter“, sagte mein Gastgeber und wies mir höflich den Weg in einen lauschigen Hintergarten unter hohen Laubbäumen, die uns an diesem lauen Sommermorgen angenehmen Schatten spendeten. Ein alter Holztisch und zwei Stühle standen bereit, darauf sorgsam vorbereitet ein Tablett mit einer Kaffeekanne, zwei Tassen, einem Kännchen Milch, einer Zuckerdose, einer Flasche Wasser und zwei Gläsern. Es war eigentlich ein stereotypes Ensemble, wirkte aber fast wie ein wohlkomponiertes Stillleben. War dieser Effekt bei mir geplant, frage ich mich heute? Der Termin war ebenfalls auf 60 Minuten ausgelegt. Die ersten zehn sprachen wir über diesen schönen Morgen, den warmen, aber unaufdringlichen Luftzug, über die bevorstehenden Sommerferien. Die Stimmung hatte uns verführt, wir kamen gar nicht zur Sache. Diese musste sich förmlich ihre Bahn brechen und nahm uns dann umso konzentrierter in Beschlag. Wir waren uns einig, dass die offenen Punkte möglichst bald in einem Folgetermin aufgegriffen werden müssen. Ein Ergebnis mit dem wir beide gut leben konnten.  

III 

Von außen konnte man durch große, milchige Fenster in die Turnhalle schauen. Sie war schon älteren Semesters, ein Quadrat aus rotem Backstein, das sich an das Schulgebäude anschloss. Der Parkplatz war leer, es war später Nachmittag. Ich parkte meinen Wagen direkt vor der Eingangstür, in der mich die Workshop-Moderatorin schon erwartete. Kaum war ich über die Schwelle, hatte ich ein Namensschild umhängen und sollte aus einem Lostopf, es war eine Baskenmütze, ein Los ziehen. Ich entfaltete den kleinen, knickerigen Zettel, während ich weiter in die Halle ging: Kommunikation ist ein Spiel, das auf Kraft und Schwung basiert. Willkommen in der Turnstunde!  

Ich bildete mir ein, dass es nach Staub und Turnhallenschweiß roch, aber wahrscheinlich waren das eher meine Erinnerungsströme, die Gerüche aus meiner Schulzeit in meinen Hirnapparat bliesen.  

„Welcome“ rief der Geschäftsführer, einen Medizinball in der linken und ein Terraband in der rechten Hand, „jetzt legen wir mal los, und schauen, wo Du mit Deinem Unternehmen hinwillst“. Zum Glück ersparte er sich den Spruch mit der Transpiration und der Inspiration, es genügte schon, dass ich sofort an diesen Management-Gassenhauer denken musste. Ein Ghettoblaster spielte Lounge-Musik, zwischen Trampolin und Barren stand ein Flipchart. Ein großer Moderatorenkoffer lag aufgeklappt auf einer blauen Turnmatte. Ich zog mir meine Schuhe aus und begab mich in die Turnstunde. Diese entwickelte sich zu einem geistigen Beweglichkeitstraining. Routinen wurden hinterfragt, längst vergessene Muskeln wieder angeregt. Ergebnis: Ich hatte wieder Lust zu trainieren.  

Blick ins Regal: New Workspace Playbook, Murmann Publishers 2018.  

 

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