Durch die Kulturtipps des August zieht sich der Alkohol wie ein roter Faden: mal glamourös im Pariser Ritz, mal raffiniert in einer Cocktailbar von Linkshänderinnen, mal so zerstörerisch wie Haiti selbst.
„Erschütterungen“ – Voodoo, Machismo und Aberglaube aus Haiti
Wer Krimis liebt, die es sich nicht bequem machen, ist bei Gary Victor goldrichtig. Mit »Erschütterungen« kehrt sein Ermittler Dieuswalwe Azémar zurück – Alkoholiker, Ex-Elitesoldat, Meisterschütze trotz Silberblick, und selbsternannter „Kloakenreiniger“ einer Gesellschaft im freien Fall. Der sechste Band der Reihe um den abgehalfterten Polizisten – nach „Schweinezeiten“, „Soro“, „Suff und Sühne“ und „Im Namen des Katers“ – ist gleich in mehrfacher Hinsicht besonders: Victors erster auf Haitianisch-Kreolisch verfasster Roman, erstmals aus dem Kreolischen ins Deutsche übertragen – und mit knapp 100 Seiten der schlankste Fall der Serie, sieben Jahre nach dem letzten Azémar-Abenteuer. Diesmal jagt der Inspektor eine Gang, stößt auf einen mysteriösen Martinistenorden und eine Reihe ritualisierter Morde an jungen Menschen aus der LGBT+-Szene. Politische Intrigen, Voodoo, Machismo und Aberglaube verschmelzen zu einem literarischen Hurrikan über ein Land, in dem der Staat längst kapituliert hat. Victors Sprache ist knapp, dialoggetrieben, atemlos – Schreiben wie Schießen. Ein packender Voodoo-Thriller, der Port-au-Prince unvergesslich macht.
Gary Victor
Erschütterungen
a.d. Kreolischen von Peter Trier
Litradukt Verlag, Trier 2026
„Der Barmann des Ritz“ – Cocktails, Kollaboration und ein Geheimnis hinter der Theke
Paris, 1940: Die Stadt ist besetzt, doch im Hotel Ritz am Place Vendôme funkelt die Welt noch. Hier, wo Nazis, Kollaborateure, Widerständler und Künstler aufeinandertreffen, steht Frank Meier hinter der Bar – österreichischer Jude, Autor von „The Artistry of Mixing Drinks“ und einer der besten seiner Zunft. Er sieht alles, hört alles, verrät nichts. Der Journalist Philippe Collin macht aus dieser kaum dokumentierten, historischen Figur die ideale Projektionsfläche für eine Geschichte über Überleben in moralischen Grauzonen: Meier verbirgt seine jüdische Herkunft, während er anderen zur Flucht verhilft. Erzählt wird die Zeit von Juni 1940 bis August 1944, als das Ritz Treffpunkt der verbliebenen Pariser Elite war. Collin geht es dabei nicht um historische Wahrheit, sondern, wie er selbst betont, um Wahrhaftigkeit. Niemand hier ist Held oder Schurke. Bildgewaltig, akribisch recherchiert und doch stets erzählerisch setzt »Der Barmann des Ritz« ein glanzvolles Denkmal für Hotel, Epoche und einen Mann voller Geheimnisse.
Philippe Collins
Der Barmann des Ritz
a. d. Französischen von Amelie Thoma
Insel Verlag, Berlin 2025
„Die Linkshänderinnen“ – Eine Bar, drei Frauen und 35 verschwundene Franzosen
Seit über zwei Jahrzehnten gilt Heinrich Steinfest als Meister sprachlicher Eleganz, Komik und Fabulierlust – ausgezeichnet unter anderem mit dem Bayerischen Buchpreis 2016 und diversen Krimipreisen. Mit »Die Linkshänderinnen« legt er nun eine Novelle vor, die diesen Ruf mehr als gerecht wird. Nora, Tilda und Ruth lernen sich zufällig im Flugzeug kennen – verbunden durch eine Gemeinsamkeit: Sie sind Linkshänderinnen. Aus dem Zufall wird ein Projekt: eine Bar in einem kleinen österreichischen Touristenort, in der Linkshändigkeit zum Markenzeichen und das Mixen der Drinks zur Choreographie wird. Die Bar wird ein Pilgerort. Bis an einem gewöhnlichen Abend eine Reisegruppe von 35 Franzosen plötzlich spurlos verschwindet. Was nun folgt, ist ein typischer Steinfest: Denn aus diesem Krimi-Element entspinnt er eine Geschichte voller Absurditäten und Zufälle, erzählt in kunstvoll verschachtelten, scheinbar beiläufigen Sätzen, die nie den roten Faden verlieren. Das Verschwinden der Franzosen wird mit derselben Gelassenheit erzählt wie die Wahl des richtigen Gins – frappierend komisch und ein idealer Einstieg für alle, die diesen eigenwilligen Erzähler noch entdecken müssen.
Heinrich Steinfest
Die Linkshänderinnen
Piper Verlag, München 2026
Foto: Carsten Ruthemann von Pexels



